Was ein Kind selbst kann, sollte man ihm nicht abnehmen

Welche Eltern wünschen sich nicht, dass ihre Kinder auf eigenen Füßen stehen und ein gesundes Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl entwickeln? Bisweilen kann es sinnvoll sein, im hektischen Alltag innezuhalten und darüber nachzudenken, was man als Mutter oder Vater besser machen kann. LEGO® Wear hatte das Vergnügen, mit Nicolai Moltke-Leth zu sprechen, der uns seine wertvollsten Ratschläge für Eltern verraten hat.

Nicolai Moltke-Leth, ehemaliger Soldat einer Spezialeinheit, ist heute als Referent, Autor und Motivator tätig und widmet sich dabei vor allem der Frage, wie wir Kinder so erziehen können, dass sie neben Selbstvertrauen und Empathie die Fähigkeit entwickeln, „in sich selbst zu ruhen“.

Er hat an der dänischen Fernsehsendung „Raise a Winner“ (Zu Erfolg erziehen) mitgewirkt, in der Eltern Inspiration, Tipps und Tricks rund um die Kindererziehung vermittelt wurden.

Warum ist es Ihrer Meinung nach so wichtig, Kinder zu Unabhängigkeit zu erziehen?

Ich habe ein Mantra und eine Mission: Kinder – und im Übrigen auch Erwachsene – müssen lernen, „in sich selbst zu ruhen“. Das Leben ist voll von Unwägbarkeiten. Daher sollte jeder in der Lage sein und über die nötigen Techniken verfügen, um diese Unwägbarkeiten aus eigener Kraft zu bewältigen, ohne daran zu zerbrechen. Menschen, die in sich selbst ruhen, verfügen über ein hohes Maß an innerer Motivation. Diese baut auf den folgenden drei Fähigkeiten auf, die wir Kindern unbedingt vermitteln sollten:

1. Autonomie und Selbstbestimmtheit

Es ist sehr wichtig, dem Kind eine Wahl zu geben, damit es in der Lage ist, ein Gefühl von Selbstbestimmtheit zu entwickeln. Natürlich gibt es auch Entscheidungen, die nicht zur Diskussion stehen, zum Beispiel dass im Winter der Schneeanzug angezogen wird. Aber Sie können Ihr Kind entscheiden lassen, ob es zuerst mit dem linken oder mit dem rechten Bein hineinschlüpfen möchte.

2. Meistern von Herausforderungen

Wenn Ihr Kind ohne fremde Hilfe kleinere Hindernisse aus dem Weg räumt, verhilft ihm das zu ersten Siegen und kleinen Erfolgserlebnissen. Kinder wollen oft Dinge selbst machen, und sobald sie bestimmte Aufgaben (zum Beispiel sich alleine anziehen) bewältigen können, sollten sie das auch dürfen. Die Eltern wiederum sollten den Kindern unbedingt die Zeit einräumen, die sie dafür brauchen. In jedem Alter gibt es Tätigkeiten, die Ihr Kind schon selbst bewältigen kann. Je mehr kleine Siege es erringt, umso besser kommt es mit der Zeit mit größeren Herausforderungen zurecht.

3. Bezogenheit – oder Verbundenheit

Menschen sind nicht dafür geschaffen, Dinge alleine zu tun. Wir sind von Natur aus gesellig, tragen aber auch von Geburt an die Angst in uns, Ansprüchen nicht zu genügen. Einerseits sind wir auf das Überleben in einer Gruppe programmiert. Andererseits ist es wichtig, gerade Kindern beizubringen, auf eigenen Füßen zu stehen, sich selbst und ihre Grenzen auszuloten und so den Weg zu einem ausgewogenen Leben zu finden.

Welche Auswirkungen hat das Ihrer Meinung nach auf die Kinder?

Auch wenn sie es mit den besten Absichten tun – überfürsorgliche Eltern, die ihren Kindern alle Entscheidungen abnehmen und alle Wege ebnen, nehmen ihnen damit die Möglichkeit, zu ihren eigenen Überzeugungen vorzudringen und berauben sie der Erfahrung, Aufgaben aus eigener Kraft zu meistern. Diesen Kindern wird vorenthalten, kleine Herausforderungen selbst zu bewältigen, und dementsprechend können sie auch keine kleinen Siege und Erfolgserlebnisse feiern. Doch wer nicht lernt, die kleinen Steine aus dem Weg zu räumen, tut sich später mit den größeren viel schwerer. Und diese Unfähigkeit untergräbt letztendlich das Selbstvertrauen und das Selbstwertgefühl.

Was also können Eltern konkret tun, um ihr Kind zu mehr Unabhängigkeit zu erziehen?

„Was ein Kind selbst kann, sollte man ihm nicht abnehmen.“ Dieser Satz mag banal klingen, doch er bringt auf den Punkt, was Eltern für ihre Kinder tun sollten – nämlich ihnen die Erfahrung ermöglichen, ihre Aufgaben alleine und selbstständig zu meistern. Nur Kinder, die eine Wahl haben, können lernen auf der Grundlage dieser Wahl Entscheidungen zu treffen. Ein Beispiel für dieses Prinzip ist die Entscheidung, wann das Kind sein Zimmer aufräumen soll.
„Möchtest du es jetzt tun oder nach dem Abendessen?“ Auf diese Weise bieten Sie dem Kind die Möglichkeit, selbst zu entscheiden. Das Ergebnis ist das gleiche – der Unterschied liegt im Weg dorthin und der Erfahrung, die das Kind dabei macht. Sie unterstützen Ihr Kind, eine Entscheidung zu treffen, die ihm anschließend das Gefühl vermittelt, dass es seine Aufgabe erfolgreich gemeistert hat. Solche kleinen Gelegenheiten, die sich im Alltag immer wieder bieten, sollten Eltern unbedingt nutzen.
Binden Sie Ihre Kinder in die Abläufe des Alltags ein. Und berauben Sie sie nicht der Erfahrung, selbst etwas entscheiden zu dürfen.

Ab welchem Alter kann man damit anfangen? Und wie sehen die ersten Schritte aus?

Als Anregung für Eltern hat meine wunderbare Kollegin Sofie Mønster, die Gründerin des Elternverbandes „Nordic Parenting“ (NOPA), zusammengefasst, was Kindern je nach Altersstufe zugetraut werden kann und bei welchen Aufgaben sie den Erwachsenen helfen können.

2-3 Jahre

  • Wäsche in den Wäschekorb/die Waschmaschine füllen
  • Die eigenen Spielsachen aufräumen
  • Den Hund/die Katze füttern
  • Die Tasse/den Teller zum Tisch tragen
  • Im Supermarkt Artikel finden
  • Die eigene Tasche tragen
  • Die Jacke aufhängen und die Schuhe ordentlich hinstellen
  • Kleider in den Schrank räumen

4-7 Jahre

  • Den Tisch decken und nach dem Essen abräumen
  • Die Spülmaschine ein-/ausräumen
  • Das eigene Zimmer aufräumen
  • Das eigene Bett machen
  • Pflanzen gießen oder andere Aufgaben im Garten übernehmen
  • Wäsche zum Trocknen aufhängen
  • Die Tasche für den Kinder-garten/die Schule packen
  • Die Tasche zum Kindergarten/zur Schule und zurück tragen

8-10 Jahre

  • Saubermachen, z. B. staubsaugen
  • Einmal wöchentlich das Abendessen zubereiten
  • Den Hund ausführen
  • Den Müll hinausbringen
  • Die Post aus dem Briefkasten holen
  • Beim Einkauf helfen
  • Zuhause die Einkäufe einräumen
  • Die Wäsche falten und im Schrank verstauen
  • Bei der Vorbereitung der Brotzeit helfen

Welche drei guten Ratschläge möchten sie Eltern im Jahr 2018 mitgeben?

Ich lege ihnen diese drei einfachen Tipps ans Herz:

Lassen Sie sich auf Ihre Kinder ein, nehmen Sie sie ernst und begegnen Sie ihnen auf Augenhöhe – sowohl in Bezug auf ihre Gefühle als auch auf ihre Art, Erfahrungen zu sammeln.

Lassen Sie Ihre Kinder reichlich Liebe erfahren.

Der Paartherapeut Dr. Gary Chapman prägte den  
Begriff der „Fünf Sprachen der Liebe“, die folgendes beinhalten:

  1. 1. Anerkennung
  2. 2. Qualitätszeit
  3. 3. Geschenke (nicht zu verwechseln mit Belohnungen)
  4. 4. Hilfsbereitschaft
  5. 5. Zärtlichkeit

Formulieren Sie klare Forderungen und Erwartungen, und legen Sie Konsequenzen im Voraus fest.
Erklären Sie Ihrem Kind, welche Folgen wiederholtes Fehlverhalten nach sich ziehen kann. Damit verdeutlichen Sie ihm, dass es für die Konsequenzen seiner Handlungen mitverantwortlich ist. Es ist viel einfacher, solche Gespräche im Voraus zu führen und nicht, wenn Sie mitten in einem Konflikt stecken. „Mein Schatz, ich hab dich lieb, doch leider hast du dich nicht an unsere Vereinbarung gehalten. Darum musst du jetzt die Konsequenzen tragen.“ Handeln Sie stets konsequent, aber liebevoll.

Fassen wir also zusammen, was wir Kindern vermitteln sollten: den HUNGER nach mehr, das Gefühl von FREIHEIT und, eng damit verknüpft, UNABHÄNGIGKEIT. Kinder sind soziale Wesen, doch wir müssen ihnen erst bewusst machen, dass sie auch EIGENE Entscheidungen treffen können – und dass das vollkommen in Ordnung ist.  

Ich wünsche Ihnen alles Gute!

keyboard_arrow_up